Westdeutsche Allgemeine Zeitung 01.03.2007

In die Kinder investieren

WAZ-Interview: Diplom Psychologe Dietmar Langer plädiert dafür, den Nachwuchs die ersten eineinhalb Lebensjahre selbst zu Hause zu erziehen. Zu frühe und zu lange Fremdbetreuung könne psychosomatische Krankheiten auslösen

Heidi Klum tat es, Sandra Maischberger hat es vor, und die Politik will den Rahmen dafür verbessern: kurz nach der Entbindung wieder in den Job einzusteigen. Was in der Diskussion selten vorkommt, ist das Wohl der Kinder. Welche Auswirkungen hat die frühzeitige Betreuung in der Krippe.

WAZ: Was halten Sie davon, Kinder unter drei Jahren in der Krippe betreuen zu lassen?
Dietmar Langer: Nicht alles, was möglich ist, ist auch richtig. Man muss bedenken, dass Kinder in den ersten Lebensjahren Verhaltensmuster für den späteren Aufbau von Beziehungen und den Umgang mit Stress entwickeln - zumindest zu 80 Prozent. Bis zum Alter von drei, vier Jahren ist diese Prägung abgeschlossen. Wenn ein Kind in den ersten eineinhalb Jahren also mehr Zeit in der Krippe verbringt, als in der Familie, dann kann es keine stabile Bindung zur Hauptbezugsperson aufbauen - was durchaus Folgen für die spätere Beziehungsgestaltung haben kann. Es muss uns auch klar sein, dass Eltern dann an Einfluss aufs Kind verlieren
WAZ: Und welche Folgen hat das für die Persönlichkeitsentwicklung? Dietmar Langer: Kinder versuchen exklusive Beziehungen aufzubauen. Sie bilden Hierarchien - eine Person ist die Nummer 1. Hat ein Kind ständig wechselnde Bezugspersonen, kann es sein, dass es nie eine ausschließliche Beziehung aufbauen wird. Es wird damit später vielleicht gut leben können, aber möglicherweise sind auch Freundschaften und Partnerschaften eher unverbindlich. Qualitativ wertvolle Beziehungen sind nie beliebig, sondern exklusiv. Der Klinikalltag zeigt, das psychosomatische Krankheiten oder Verhaltensauffälligkeiten immer auf Bindungsstörungen zurückzuführen sind. WAZ: Also gehören Frauen an den Herd? Dietmar Langer: Überhaupt nicht. Den meisten Familien geht es auch nicht um ein Entweder-Oder, sondern um das Wie. Ich plädiere dafür, möglichst die ersten eineinhalb Jahre mit dem Kind zu verbringen. Mutter oder Vater sollten diese Zeit als Investition in die Zukunft des Kindes betrachten. Kinder, die eine stabile, exklusive Beziehung zu einer Hauptbezugsperson aufbauen, sind später belastbarer, gehen ausgelassener mit Stress um. Das wirkt sich auch auf Schulleistungen positiv aus.WAZ: Frankreich, wo Mütter oft kurz nach der Geburt wieder in den Vollzeitjob einsteigen, wird als Vorbild gefeiert. Dietmar Langer: Das ist die Frage, ob es wirklich Vorbild ist. Der Staat investiert in die Krippen aber nicht in die Familien. So bleibt den Frauen aus finanziellen Gründen oft nichts anderes übrig, als früh wieder arbeiten zu gehen. Optimal für das einzelne Kind ist das nicht. WAZ: Einig Eltern müssen aus finanziellen Gründen früh arbeiten. Was raten Sie ihnen? Dietmar Langer: Wenn sie vor Ablauf des ersten Lebensjahres ihres Kindes wieder einsteigen müssen, ist das OK - solange sie Teilzeit arbeiten und alles so organisieren, dass sie sehr viel Zeit mit dem Kind verbringen. Und zwar zweckfreie Zeit: zum Spielen oder für Auseinandersetzungen. Bei der Fremdbetreuung sollten Eltern darauf achten, dass der Tagesablauf immer gleich ist. Das vermittelt Sicherheit. Bei der Auswahl der Krippe ist es wichtig, dass die Eltern ein gutes Gefühle haben, ihr Kind dort betreuen zu lassen. Kinder spüren, wenn Eltern unwohl dabei ist. Sie haben eine schlechtere Ausgangslage.

 

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